Mittwoch, 25. Juli 2012

Hagener Delfinschützer entlarven Delfinarium im Tiergarten Nürnberg als „Intensivstation“


(WDSF) Nach einer Akteneinsicht im Delfinarium des Tiergarten Nürnberg sind die Delfinschützer von der Organisation Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) geschockt. Jeder der sieben noch lebenden Delfine würde mit Psychopharmaka behandelt, so das Ergebnis. Die Medikamentenliste sei lang und weise über 20 Medikamente aus, darunter auch verschiedene Antibiotika-Präparate. 38 Nürnberger Delfine hätten seit Bestehen des Delfinariums im Jahr 1971 den Tod gefunden. „Die Unterlagen des Nürnberger Delfinariums lesen sich wie der Bericht einer Intensivstation“, so WDSF-Geschäftsführer Jürgen Ortmüller.
Erst der Bayerische Verwaltungsgerichtshof musste die Stadt Nürnberg obergerichtlich verurteilen, die Akten offen zu legen. Jahrelang hatte das WDSF vergeblich versucht, Licht in das Dunkel der Delfin-Berichte zu bringen. Immer wieder hieß es von der Stadt als Aufsichtsbehörde und dem Tiergarten, dass die Akten unter Verschluss bleiben. Auch die Regierung von Mittelfranken als Fachaufsichtsbehörde bis hin zur Bayerischen Staatsregierung ließ sich nicht erweichen, so das WDSF.
Das WDSF hatte die Analyse der bisher gesichteten Unterlagen einer Biologin übertragen. In ihrer Abschlussbeurteilung weist die Biologin auf die „relativ häufige Verabreichung von Diazepam“ hin, einem verschreibungspflichtigen Medikament gegen Angst- und Spannungszustände. Sobald die Delfine etwas unruhig waren, wäre zu diesem Psychopharmaka gegriffen worden. Der Delfin Jenny erhielt innerhalb von nur vier Monaten 145 mg Diazepam, so der biologische Analysebericht. Üblich sei eine Einzeldosis von 5 bis 10 mg. Dem Delfin Anke wurde nach seinem offenbar stressigen Rück-Transfer von Holland nach Nürnberg im Frühjahr dieses Jahres sogar eine Einzeldosis von 30 mg Diazepam verabreicht.
Dabei hätte der tiermedizinische Bericht des Tiergartens auch offenbart, dass sich Anke bei diesem Transport stark verletzt hat. In dem Tiergarten-Bericht heißt es: „Anke hat sich beim Fangen hinter Blasloch, kaudal an der Finne (blutet am meisten), am rechten Flipper und an der Fluke aufgeschlagen.“ Aus dem Bericht geht hervor, dass neben Psychopharmaka mit der unüblichen Höchstdosierung  von 30 mg dem Delfin Anke auch Antibiotikum verabreicht wurde. Das WDSF hatte bereits unmittelbar nach dem Delfin-Transfer aufgrund des vermuteten unsachgemäßen Transports Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth gestellt. Dort wurde die Anzeige recht schnell abgewiesen: „Der mitgeteilte Sachverhalt ist strafrechtlich nicht relevant“, hieß es von der Staatsanwaltschaft gegenüber dem WDSF.
Jürgen Ortmüller, WDSF-Geschäftsführer:  „Wir werden der Staatsanwaltschaft die kopierten Originalunterlagen nochmals zur Verfügung stellen, um eine Wiederaufnahme der Ermittlungen zu erwirken. Ebenso wird zu überprüfen sein, ob das Delfinarium nicht geschlossen werden muss, um eine fachkompetente Oberaufsicht  für die Delfinbehandlung zu gewährleisten. Hier scheinen alle Entscheidungsträger vom Tiergartendirektor bis hin zur zuständigen Tierärztin versagt zu haben.“
Das WDSF lässt jetzt weiter prüfen, ob die Antibiotika-Behandlung zum mehrfachen Tod von Delfinen in Nürnberg geführt hat. In der Schweiz wird derzeit gegen zwei Tierärzte strafrechtlich ermittelt, da die Universität Zürich nach dem Tod von zwei Delfinen innerhalb einer Woche im Vergnügungspark Connyland eine Antibiotika-Vergiftung als Todesursache ermittelt hatte. Ortmüller: „Wir haben einen Hinweis eines Fachdozenten von der Ruhr-Universität Bochum vorliegen, dass die Antibiotika-Behandlung  der Delfine eventuell zur sogenannten „Herxheimer Reaktion“ geführt haben könnte, die mit Todesfällen verbunden ist, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Die Kompetenz der Nürnberger Tierärztin und der Tiergarten-Leitung wäre dann schwer in Frage gestellt.“—
Zusammenfassung der tiermedizinischen Berichte auf:

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